Donnerstag, 2. März 2017

Auf dem Schreibtisch XXXX

Mitten in ei­nen Blog aus der Ar­beits­welt sind Sie rein­ge­ra­ten: Bon­jour und herz­lich will­kom­men! Hier stehen kurze (anonymisierte) Episoden aus meinem mit­un­ter sehr vielseitigen Alltag, Gedanken zu Kultur und Sprache sowie Hinweise zu meinen Arbeitsfeldern.

In der Digitalpost: Die gefühlt 32.448. Anfrage nach meinem "Bestpreis" mit Bitte um Zusendung meines Lebenslaufs. Der Absender ist eine Übersetzungsagentur, die ich nicht kenne. Man habe regelmäßig Anfragen für FR>DE, heißt es, und sei an EU-Aus­schrei­­bun­gen beteiligt. Ich schaue mir die Webseite des Unternehmens an, vor allem die Preise, die im mittleren Segment liegen, und lese Fragen und Ant­wor­ten zum Thema Qualitäts­kontrolle, es sind genau zwei und sie sind wenig aus­sa­ge­kräf­tig. Dann sehe ich mir die Geschäfts­führer genauer an. Junge, hungrige BWLer, die von Dolmetschen, Übersetzen und sogar von Sprache kaum eine Ahnung haben. Sie sehen aus, als wäre ihnen egal, was sie verkaufen. (Agenturen sind in der Regel Makler; ich kenne leider bislang keine, die wirklich fair arbeitet.)

Solche Anfragen landen bei mir sofort im Müll. Die Webseite der Firma ist von Aus­druck und Präg­nanz her sehr ... vielseitig, das ist nicht in "einem Atem" ge­schrie­ben, das ist Copy & Paste, die Textbausteine sind vermutlich bei der Konkurrenz geklaut. Und dann sammelt man Lebensläufe ein von Menschen, mit denen man gar nichts zu tun hat, winkt bei Ausschreibungen kräftig mit ihnen, nutzt sie als An­ge­bots­be­schaf­fer — und vergibt am Ende das Projekt auf dem Markt an den/die Günstigste(n). CV-Phishing nennen wir das.

Ja, das ist legal. Leider. Im Zweifelsfall würde dem Kunden erzählt, ich sei für die­ses oder jenes Projekt nicht verfügbar gewesen.

Bürostillleben
Für die Filmwirtschaft übersetze ich eine ministerielle Erklärung zum Thema Ur­he­ber­recht. Auch hier, bei dem Ergebnis von Verhand­lungen, spüre ich mehrere Au­to­ren, es ist ein ziemliches Wör­ter­puzzle. Und da der EU-Rechtsrahmen alles einfasst und die EU ihren eigenen Jargon hat, schla­ge ich gefühlt 100 Mal mehr nach als sonst, welches Wort sich hier in |das Kauderwelsch| den Politik­jargon besser einfügen würde und wie sich das Mehr­deu­ti­ge, das die franzö­sische Sprache manch­mal hat, dort ins Deutsche retten lässt? Plötzlich fühle ich mich wie eine An­fän­ge­rin. Aber wie sagte unsere Lehrerin der­mal­einst: "Sprach­ar­bei­ter wachsen mit jedem Auf­trag."

Weitere Themen:
⊗ Frauenemanzipation
⊗ Marokko
⊗ Ökologische Transition (Wirtschaft)

P.S.: Ich habe keinen "Bestpreis". Jedes Projekt erfordert ei­nen an­de­ren Auf­wand, da­her er­stel­le ich stets da­zu pas­send mein An­ge­bot.

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Foto: C.E. (Archiv)

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